Eileen Heerdegen

eheerdegen@aol.com

November 1999

Die Kotmaschine

Alle sind begeistert. Spontane Umarmungen, überschwengliche Glückwünsche. Allen huscht ein Lächeln aufs Gesicht und immer wieder die gleichen Worte: "Ach wie schön! Ich freu mich für Dich!" Meine Freundin Madeleine erwartet ein Baby und die ganze Welt scheint mit ihr um die Wette zu strahlen. Ein Junge, ein Mädchen? Wem wird es ähnlich sehen? Soviele Fragen zum großen Glück

.Auch ich bin schwanger – allerdings nur ein bißchen. Auch ich erwarte ein Kind, doch wird es weder mir noch meinem Mann ähneln – es ist ein kleiner Hund. Genau wie Madeleine habe ich mir dieses Kind so sehr gewünscht. Dabei sind wir uns beide sowohl der Verantwortung bewußt, die wir dem kleinen Wesen schulden, als auch der Tatsache, dass selbst das Glück auf dieser Welt bezahlt werden muss. Nicht nur in klingender Münze: Die Wohnung muß familiengerechter werden, vielleicht muß ein größeres Auto her; Theater- und Kinobesuche werden erstmal verschoben, spontane Kurzurlaube in quirligen Metropolen gehören zunächst der Vergangenheit an und unruhige Nächte in der ersten Zeit sind so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch während Madeleine auf Verständnis und Zustimmung vertrauen kann, stößt meine Entscheidung für den "Nachwuchs" größtenteils auf sprachloses Erstaunen und sogar Ablehnung.

Vom spontanen "Oh, Gott!", über vorwurfsvoll tadelndes "Habt Ihr nicht schon genug Arbeit?", "Haben Sie sich das wirklich gut überlegt?" bis zum vorgeblich tierfreundlichen "Die Stadt ist kein Lebensraum für Hunde" reicht die "mitfühlende Anteilnahme". Viele Einwände sind sicher richtig: Jedes Lebewesen verursacht dem Betreuer Arbeit. Das gilt für den Wellensittich, den Hamster oder den Hund genauso wie für das hilflose Menschenkind. Eine schlecht durchdachte Entscheidung hat schon viel Elend für alle Beteiligten zur Folge gehabt. Lebewesen sind kein Spielzeug, das in der dunklen Ecke eines Schrankes stumm auf Freizeit und Spiellaune seines Besitzers wartet. Lebewesen sind anstrengend, sie fordern Aufmerksamkeit, Zuwendung und Fürsorge; sie kosten Zeit und Geld. Ein neues Familienmitglied läßt dem gewohnten, liebgewordenen Alltagstrott nicht viel Raum. Ein neues Leben stellt alles in Frage, krempelt um und verwirrt.Trotzdem lassen sich Millionen von Menschen tagtäglich auf dieses Abenteuer ein. Üben Verzicht, nehmen Ärger und Einschränkungen in Kauf und scheinen dennoch glücklich.

Warum bloß, um alles in der Welt? Ist man erstmal erwachsen, hat einen erträglichen job, eine nette Wohnung mit gemütlichem Sofa, dann könnte man es sich eigentlich so richtig gut gehen lassen. Abends Beine hoch und Seele baumeln lassen, spontan zum schicken Italiener oder ins Kino und sonntags mit einem spannenden Krimi den Vormittag im Bett verbringen.Aber wie sagte schon Erich Kästner: "Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen". Also machen viele freiwillig "Schluß mit lustig". Da wuselt plötzlich das kleine Kätzchen unter der Bettdecke herum und beißt ihren Menschen in die Zehen, bis dieser endlich das Buch zuklappt und "fang das Mäuschen" spielt. Das Kaninchen macht so herzerweichend Männchen in seinem Käfig, bis wir es nicht mehr übers Herz bringen, und das kleine Tier die Wohnung erkunden lassen, obwohl wir dabei wegen der vielen Kabel eigentlich mindestens 20 Augen gleichzeitig bräuchten. Hunde und Kleinkinder sind noch anstrengender. Früh um sieben bei Hagel oder Schneestürmen Gassi gehen, ist wahrlich nicht jedermanns Sache, der Vierbeiner aber macht selbst aus ausgesprochenen Morgenmuffeln zwangsweise kernige Naturburschen. Und das bauchwehgeplagte Menschenkind, das die übermüdeten Eltern um den Schlaf bringt, möchte trotzdem schon am frühen Morgen wieder fröhlich "gugu" machen.Würde man all diese Fakten und Erfahrungen emotionslos und nüchtern analysieren, wäre das zwangsläufige Ergebnis ein entschiedenes "Nein!".Doch sind und handeln wir Menschen eben nicht gefühllos und kalkuliert, sondern haben Sehnsüchte und den Wunsch nach Nähe und der großen, reinen Liebe. Wir versuchen zwar, verzweifelt alles rational zu begründen, doch wer schafft sich schon ernsthaft ein Kind an, damit es später mal die Rente des Nachbarn bezahlt? Die Welt ist ohnehin überbevölkert, und ob das eigene Kleine überhaupt später in Lohn und Brot kommt, wird angesichts der wirtschaftlichen Situation immer ungewisser. (Vielleicht muß gar der Nachbar später die Sozialhilfe für unseren "Hoffnungsträger" zahlen...)Nein, seien wir ehrlich, es ist der pure Egoismus, der uns treibt. "All you need is love" – die Beatles gibt es längst nicht mehr, ihr Welthit aber wird uns alle überleben – wir wollen Liebe, Liebe und nochmals Liebe. Und was soll’s – diese Form von Eigennutz ist schließlich wirklich harmlos. Doch auch das harmloseste Vergnügen findet Neider und Gegner, und nicht jeder hat gelernt, daß auch die Liebe zwischen Mensch und Tier etwas wunderbares ist.

Das Wissen um die Tatsache, daß wir Menschen die höchstentwickelte Spezies auf dieser Erde sind, die Macht, die uns diese Tatsache verleiht, läßt uns die damit verbundene Verantwortung oft vergessen. Hochmütig blicken wir auf den Rest der Welt hinab – alles was uns "untertan" ist, läuft Gefahr, mißachtet und mißbraucht zu werden. Solange uns die Tiere nicht wenigstens als Nahrung dienen, scheinen sie manchem Zeitgenossen geradezu unnütz."Kinderersatz" – so wird denn der Wunsch nach einem Haustier oft spöttisch kommentiert. Als hätte das Mitgeschöpf Tier keinen eigenen Wert; als wäre es etwas für Leute, die sich keinen "echten Menschen" leisten können, als stünde es auf einer Ebene mit Muckefuck und billiger Rolex-Kopie. Vielleicht mißtrauisch beäugt, bleiben die Halter von Ziervögeln, Kaninchen oder Meerschweinchen doch zumeist unbehelligt, weil sie ihrem "Hobby" rücksichtsvoll unter Ausschluss der Öffentlichkeit frönen. Die Katzenfreunde stoßen genau dort an die Toleranzgrenzen, wo der Schmusetiger die höchstprivaten vier Wände zum fröhlichen Auslauf in die nachbarlichen Gärten verläßt. Und der Hund hat sich im Laufe der Jahre vom "besten Freund des Menschen" zum öffentlichen Ärgernis entwickelt. Selbst die Anschaffung eines neuen Kühlschranks wird freundlicher kommentiert – von der anerkennenden Beurteilung eines neuen Autos ganz zu schweigen. Da stört es offenbar keinen, dass man in vielen Straßen der inneren Stadt zwischen den dichtgeparkten "Lieblingen" kaum noch von Bordstein zu Bordstein findet, und die einstmals idyllischen kleinen Alleen zu Blechwüsten verkommen sind. Die Lautäußerungen unserer vierrädrigen Freunde werden von Kennern als "satter Sound" geschätzt; der permanente, in manchen Gegenden nie enden wollende, Geräuschpegel startender oder vorbeirauschender Fahrzeuge führt nachweislich zu Nervenschädigungen, wird aber demütig als gottgegeben hingenommen. Und wenn die stolzen Besitzer, nach halbstündiger Irrfahrt dem Wahnsinn nahe, endlich ein paar Quadratzentimeter Parkraum ergattert haben, werden die ohnehin blankliegenden Nerven aufs äußerste strapaziert: Da hat man den schicken Breitreifen gerade äußerst geschickt auf die Wurzeln der schadstoffgeplagten Buche manövriert, und da liegt doch tatsächlich unter diesem Baum, bedrohlich nah an der Fahrertür, ein Hundehaufen. Beim Versuch, den Auto-Ascher just in diesem Gebüsch zu "entsorgen", wäre man doch tatsächlich fast reingetreten.

Daß sich gleich daneben ein fast grotesk anmutendes Sammelsurium menschlicher Rücksichtslosigkeit befindet, scheint normal. Leere Pikkolo-Flaschen und Flachmänner, Scherben aller Art, Zigarettenkippen, -Papier und -Schachteln, Plastiktüten, ausgelutschte Kaugummis und Strumpfhosenverpackungen(?!) – diesen offenbar selbst in einer "besseren" Wohngegend normalen Alltagsmüll bemerken hauptsächlich Hund und Halter. Und die sollten wohl besser ganz still sein, haben sie doch selbst "Dreck am Stecken"...Kläffen und schmutziges, bei Regen möglicherweise sogar übelriechendes, Fell werden dem armen Kerl natürlich ebenfalls angekreidet; aber der Häufchen-Haß ist beinahe schon zu einer modernen Phobie geworden. Ein intelligentes und liebenswertes Lebewesen auf seinen Stuhlgang zu reduzieren scheint mir nicht nur sehr bedenklich – angesichts der Problematik, die menschlichen Stoffwechsel-Produkte zu entsorgen, ist es geradezu absurd. Es ist absolut nicht schön, in einen Haufen zu treten; aber Flüsse, Seen und Meere voller gefährlicher Kolibakterien sind sicher problematischer.Aber sei’s drum – Vorurteile sind so alt wie die Menschheit und mindestens ebenso hartnäckig. Wir Tierfreunde werden damit leben müssen, und die Wärme und Liebe, die das Tier uns schenkt, läßt vieles leichter ertragen. Denn wir erleben echtes, lebendiges Glück. Nicht irgendeinen Ersatz."Eine Kotmaschine" war die Reaktion eines glücklicherweise sehr entfernten Bekannten auf meinen Hund.Seine alte Rostlaube nennt er übrigens liebevoll "Benno".

Eileen Heerdegen



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