Günther Bloch, Hunde-Farm "Eifel", 53902 Bad MünstereifelGünther Bloch, Hundeerzieher und Verhaltensberater"To whom it may concern"
Offener Brief an alle Hundehalter 

Günther Bloch
Hunde-Farm "Eifel", 53902 Bad Münstereifel
Hundeerzieher und Verhaltensberater für Mensch-Hund-Beziehungen

Sehr geehrte Damen und Herren,
gerade aus der multikulturellen Gesellschaft Kanadas von Verhaltensbeobachtungen an freilebenden Wölfen zurück (Qualifikation: Leiter des Beobachtungsteams des "Central Rocky Mountains-Wolf-Project" unter der Leitung des Biologen Dr. Paul Paquet/Universität Calgary), scheint es in Deutschland nur noch ein Thema zu geben: Kampfhunde, Kampfhunde, Kampfhunde. Ein Thema, das nicht erst seit gestern auf der Tagesordnung steht. Nein, vernünftige Vorschläge zur Eindämmung des Gefahrenpotentials aggressiv/auffälliger Hunde, gab es nachweislich bereits seit Jahren. Seit Ende der 80er Jahre wussten die Politiker der einzelnen Länder, dass zu dieser Thematik etwas passieren musste. Passiert ist allerdings bis zum heutigen Tage nichts!

Geredet wurde viel, gehandelt wenig. Skrupellose Züchter, die teilweise öffentlich aggressive Hunde als "Body-Guards" feilboten (und auch heute noch verkaufen), sind natürlich in erster Linie verantwortlich für das heutige Chaos. Förderung von aggressivem Hundeverhalten hat nämlich herzlich wenig mit der Verantwortlichkeit einzelner "Normalhundehalter" zu tun. Wir sprechen vielmehr primär von einem Zuchtproblem, welchem man bundesweit durch einen Qualifikationsnachweis für alle Züchter (Heimtierzuchtgesetz) entgegentreten könnte. Wenn man denn wollte. Der VDH, verantwortlich für die Betreuung sehr vieler Hunderassen, hat es bis heute nicht geschafft, Wesens- und Verhaltenstests für alle Hunderassen einzuführen.

Unkontrollierte Züchter der rechtsradikalen Szene mit Pitbulls & Co. blieben zudem weitestgehend unangetastet, an diverse Jugendgangs in bundesdeutschen Ballungsräumen mit "Kampfhunden" traut man sich nicht heran, in sozial schwachen Stadtgebieten lässt man ganze Massen von "Kampfmaschinen" ohne Überprüfung gewähren und im Rotlichtmilieu duldet man, obwohl nachweislich bekannt, Hundekämpfe.

Ausrede der verantwortlichen Administration: Zu wenig Personal, zu knappe Finanzbudgets. Selbstkritik der politisch Verantwortlichen: Fehlanzeige. Die tapferen Bayern verabschiedeten 1992 im Alleingang ein Kampfhundeverbot und rühmen sich seither, die "Sache im Griff zu haben". Gestern, am 19.7.2000, berichteten jedoch diverse Nachrichten über auffällig gewordene Rottweiler. Aber, man hat ja alles unter Kontrolle!?

Eine bundesweite Lösung steht noch in den Sternen, der psychologischen Tragweite der Schnellschussverordnungen einzelner Länder ist man sich in politischen Kreisen wohl nicht bewusst: Nein, man nimmt während der letzten Wochen sogar eine Spaltung der Gesellschaft in Kauf: Man nimmt in Kauf, dass Kleinkinder in phobieartige Verhaltensmuster gegenüber unbedarften Hunden gezwungen werden. Man nimmt in Kauf, dass Hundefreunde und Hundefeinde in clicheehafte Schubladen gesteckt werden und öffnet somit der Selbstjustiz Tür und Tor. Letztlich fördert man den zivilen Ungehorsam der Bürger, die völlig verunsichert berechtigt Wut aufstauen, weil die Hysterie der Politiker mit dem zu tiefst bedauerlichen Tod des kleinen Hamburger Jungen begann. Ausgerechnet ein bereits aktenkundig/aggressiver mit Leinen- und Maulkorbzwang bedachter Hund, dessen notwendige Konfiszierung die ordnungsamtliche Behörde verschlampt hatte, gab Anlass zu völlig überzogenen Eilverordnungen, inkl. fachlich nicht haltbarer "Rasselisten" und Diskriminierung abertausender Hundehalter.

Vom Hundehalter wird Sachverstand und fachliche Kompetenz angemahnt. Wer als Verordnungsgeber Sachkenntnisse anmahnt, sollte diese vorab bewiesen haben. Wen aber haben die verantwortlichen Politiker im Hinblick auf Ihre Eilverordnungen eingebunden? Fachkompetente Menschen können es jedenfalls nicht gewesen sein. Wie will man sonst dem einfachen Hundehalter klarmachen, dass einige der in den "Rasselisten" aufgeführten Hunderassen seit Jahren nachweislich umfangreiche Wesens- und Verhaltenstests zur Zuchttauglichkeit verlangen (z.B. Club für ungarische Hirtenhunde), während nicht "gelistete Schutzhundrassen" trotz ihrer doch diskussionswürdigen Zuchtpapiere (Wehrtrieb ausgeprägt, Schutz und Härte ausgeprägt) wohl offensichtlich keiner Erwähnung bedurften. Die Lobby des quotenbereinigt meist beißenden Hundetypus (Deutscher Schäferhund) lässt grüßen.

Hier soll keinesfalls der Eindruck einer Diskriminierung des Schäferhundes entstehen, denn Tausende sozial und umweltsicherer Vertreter dieser Rasse sind weder aggressiv, noch haben sie "Kampfhundqualität". Obwohl man den Schutzdienst im privaten Bereich kritisch hinterfragen sollte, soll hier nur der Sinn der "Rassenauflistungen" ad absurdum geführt werden.

Auf der Anhangliste des Landes NRW werden selbst Hunderassen aufgeführt, die entweder eine extrem hohe Reizschwelle haben (Bordeaux Dogge, Mastin Español) oder in Deutschland gar nicht existent sind (Liptak, Karpatin etc.). Begründung: Diese Hunderassen könnten als nächste missbraucht werden. Nein, meine Damen und Herren Politiker: Als erstes wird man nicht gelistete Schutzhundrassen missbrauchen!

Ein weiterer Aspekt, der offensichtlich von den Politikern nicht berücksichtigt wurde: Die große Abzocke hat in Deutschland bereits begonnen. Wesens- und Verhaltenstests, deren Durchführung zunächst in die Hände der Tierärzte gelegt wurde, sind quantitativ a) nicht durchführbar und b) für viele Hundehalter nicht bezahlbar (man hört bereits von 2stündigen Verhaltenstest für DM 500,-). Qualifikationsnachweise zur Durchführung von Wesens- und Verhaltenstests können ohnehin nur durch von der Tierärztekammer ausgebildete Verhaltenstherapeuten durchgeführt werden, da der einfache Tierarzt im Normalfall mit Hundeverhalten wenig vertraut ist.

Nun stehen Tausende von sog. "Experten" Gewehr bei Fuß, um evtl. ein kleines Stück des zu verteilenden Kuchens abzubekommen. Da es den Beruf des Hundeerziehers als staatlich anerkannten Lehrberuf nicht gibt, wird eine pauschale Wesens- und Verhaltensüberprüfung schwierig werden. Auch die Ortsgruppen verschiedener Verbände (SV, DVG, dem VDH angeschlossene Gruppen) bieten kein praxisbezogenes Training an und fielen in der Vergangenheit teilweise durch sehr harte Hundeerziehungsmethoden (Gebrauch von Stachelhalsbändern und anderen Starkzwangmittel) auf und können somit pauschal keinesfalls als fachkompetent angesehen werden. Selbsternannte Bundesverbände für Hundeschulen oder Hundetrainer kommen und gehen und sind somit auch äußerst schwierig auf Fachkompetenz zu überprüfen. Wer also soll Qualifikationsnachweise für Hundehalter und ihre Vierbeiner flächendeckend durchführen?

Fazit: Derzeit sind Hundehalter völlig verunsichert, wie es zukünftig weitergehen soll. Übergriffe von hundefeindlichen Menschen sind an der Tagesordnung. Einige Vorschläge zur Verbesserung der allgemein verkorksten Situation liegen auf dem Tisch, brauchen jedoch die nötige Zeit, um nach einer ausführlichen Diskussion die verschiedenen Elemente zusammenzuführen. Eine Koordination zwischen Tierärzten, verantwortungsbewusst handelnden Hundeerziehern, Verhaltenstherapeuten, und Hundevereinen bleibt wünschenswert. Ob es nun wirklich um den Hund geht, wird anhand von Toleranz und koordiniertem Handeln zu überprüfen sein. Eilverordnungen, die nur auf bestimmte Rassen abzielen, sind schlichtweg abzulehnen, weil fachlich nicht haltbar. Für das Land NRW wäre die bereits 1994 verabschiedete Verordnung wieder aufzugreifen und ggf. zu modifizieren, da sie die individuelle Mensch-Hund-Beziehung in den Vordergrund stellte. Menschen und Hunde sind als Individuen zu betrachten und eine Verordnung sollte diesem Faktum Rechnung tragen.

Beispiele für eine modifizierte Verordnung: Haftpflichtversicherungspflicht mit Bonus-/Malusregelungen bei Steuer und Versicherung, Mikrochipkennzeichnung für alle Hunde, Leinenzwang für alle Hunde nur in Stadtzentren, Wohngebieten sowie an Schulen und Kinderspielplätzen bei gleichzeitiger Ausweisung von Freilaufzonen für Hunde, strenge und kontrollierte Zuchtbedingungen (Qualifikationsnachweis), Errichtung von Auffangstationen für herrenlose Kampfhunde, Angebot des Qualifikationserwerbs für Menschen auch vor dem Hundekauf, sowie zusätzlich noch die Einführungen eines HÜV (Hundeüberwachungsverein), individuelle Verhaltensüberprüfung von Mensch und Hund.

Last but not least: Drastische Strafverschärfungen bei Zuwiderhandlungen und Verstößen gegen die neuzugestaltenden Hundeverordnungen. Sinnvoller wäre es allerdings, eine bundeseinheitliche Hundeverordnung zu schaffen, die den oben erwähnten Gedanken Rechnung trägt.

Sicherlich finden Sie auch in Ihrer Nähe eine Initiative für ein Volksbegehren gegen die bestehenden Hundeverordnungen.

(Quelle: www.hundenachrichten.de )

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