Wie es dazu kam



Ja, wo fange ich da an... eigentlich könnte ich da meine ganze Lebensgeschichte erzählen, aber das will ich niemanden antun. Vielleicht sollten Sie zunächst mal Tatiana finden Sie einiges dazu. Irgendwie habe ich einen "Hilfetick", hinzu kommt, Probleme reizen mich.  Hinzu kommmt auch, daß Tatiana, meine Tochter, so im Laufe des Jahres 2003 anstalten machte, in "andere Hände über zu gleiten" - mit 27 ist das auch gewiß nicht zu früh.  Von Ehefrauen - ich bin zweimal nach jeweils längerer Ehe geschieden - hatte ich kein Bedürfnis. Mit 58 ist das auch nicht mehr soo - wie soll ich sagen - prickelnd.
Ich hatte ja noch meine zwei Hunde. Ganz im Ernst hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt, mich an das Jugendamt in Hanau zu wenden um evtl ein Pflegekind zu mir zu nehmen....ich wollte ganz einfach etwas junges um mich haben, da bleibt man selber jung und fängt nicht an, zu versauern. Zudem wäre das auch eine neue Herausforderung und ich könnte auch meinen "Helfer-Drang" zufrieden stellen. Aber nun hatte ich ja grade erst Alex kennengelernt  und insofern bereits einen Problemfall, mit dem ich mich beschäftigen konnte. Aber Alex wohnt  in Bremerhaven und war auch schon in guten Händen,. womit wir bei Ursula wären... Aber das ist eine andere Baustelle.

Ich hatte jedenfalls ja meinen Wohnwagen auf dem Dauercampingplatz in Bad Rothenfelde ( auch dies bei Alex ) und wollte den auch ausnutzen. Ich fuhr also bestimmt jede zweite Woche so von Donnerstag bis Montag mit meinen Hunden auf den Platz. So alle vier Wochen benutzte ich das als Sprungbrett, um Ursula und Alex zu besuchen.

Ich weiß es nicht mehr genau, aber es muß so Oktober/November gewesen sein, da bemerkte ich, als ich ankam, so schräg gegenüber, wo auch Ursula mit Alex gezeltet hatte, ein Zelt mit drei Jugendlichen. D. h. eigentlich waren es schon mehr Heranwachsende, zwei jedenfalls, so um die 18/19 vielleicht und dabei war noch ein jüngerer, so 15/16, dem Anschein nach. Der Platz ist um diese Jahreszeit natürlich nicht besonders ausgebucht, so daß jeder Nachbar gleich ins Auge fällt. Meine beiden Hunde bemerken das natürlich auch gleich. Und wenn jemand unbekanntes direkt am Wohnwagen vorbeigeht, wird erstmal gebellt ( sie sind natürlich an der Leine ).
Der jüngste von den Dreien kam daraufhin und fing an, mit ihnen zu spielen. Jeder der mit meinen Hunden spielt, ist mir natürlich gleich sympathisch und ein Gesprächsthema hat man ja auch gleich.
Abgesehen von der nicht grade schmächtigen Figur ...hrrrmmm...David wog damals bei einer Größe von 175cm etwa 135 Kg...er möge es mir verzeihen, aber damit fällt man schon auf..stellte ich fest, daß er Narben an der Stirn über den Augen und an den Armen hatte.
"Wo hast Du das denn her..."  Daraufhin wurde er merkbar bedrückt und erklärte.."das war mein Stiefvater". Seine beiden Begleiter machten auf mich einen wenig Vertrauen erweckenden Eindruck. Ich fragte ihn, was das denn für Typen seien. Die kenne er von der Straße her, sie hätten ihn eingeladen mitzukomen übers Wochenende. Seine Eltern interessiere sowieso nicht, was er mache, solange sie nur ihre Ruhe hätten. Sie wüßten zum Beispiel gar nicht, daß er hier sei, er habe nur gesagt, er sei ein paar  Tage mit Freunden weg, das sei schon genug, da werde nicht gefragt.  Er habe auch grade erst Krach mit seinem Stiefvater gehabt, der habe ihn geschlagen und gegen den Schrank gestoßen, daher habe er die Narben. Ich lud ihn zu mir an den Wohnwagen zum Essen ein und wie selbstverständlich räumte er danach das Geschirr ab und fing an, zu spülen ( das wäre Alex nicht in seinen schlimmsten Alpträumen eingefallen..). Im Laufe der zwei Tage kam es dann dazu, daß er sich immer mehr mir anschloß und nur zum Schlafen ins andere Zelt ging.  Wir fuhren zusammen mit den Hunden raus und spielten mit ihnen, gingen zusammen einkaufen und zum Essen.
Das war natürlich ein Fall, der mich reizte. Was war hier los. Die beiden anderen kannte er von der Straße. Ich war lange genug in dem Milieu tätig gewesen, um zu wissen, wen ich vor mir hatte...typische "Knackis"..Was sollte aus dem Jungen werden...die Eltern kümmern sich offenbar um nichts...David seinerseits war ganz all und hingerissen, daß ich mich so für seine Person interessierte. Sowas war er gar nicht gewöhnt. Als sie dann wieder abfuhren war er ziemlich geknickt, aber wir tauschten unsere Handy-Nummern aus und er versprach, mich auf jeden Fall anzurufen, was er auch noch am gleichen Abend tat.
Als ich dann zwei Wochen später wieder zum Platz fuhr, fragte ich David, ob er Lust habe mit zu kommen. Er wohnte in Datteln, für ihn ist das aber Recklinghausen, obwohl Datteln auch eine Stadt mit ich glaube so 20.000 Einwohnern ist und 10 km von Recklinghausen entfernt liegt; ich erwähne das jetzt deswegen um anzudeuten, daß er in solchen Dingen halt manchmal nicht so genau ist. Urspünglich hatte er mir nämlich gesagt, er wohne in Recklinghausen. Als ich dann den Vorschlag machte, uns am Bahnhof zu treffen, sagte er dann, ja, das ist gut, ich komme nämlich mit dem Zug aus Datteln. Recklinghausen liegt nicht allzuweit weg von Bad Rothenfelde, vielleicht 80 km. Für jemand, der so alle vier Wochen nach Bremerhaven gefahren war, ist das eine lächerliche Entfernung.

Jedenfalls war er ganz begeistert, daß er mitkommen könne und meinte, er habe mich das auch schon fragen wollen, sich aber nicht getraut.  In den nächsten Wochen, so bis etwa Anfang Dezember war David etwa dreimal mit mir auf dem Platz, jeweils für so drei Tage am Wochenende. Er verstand sich sehr gut mit den Hunden und war überhaupt ein angenehmer Gesellschafter. Für sein Alter war er sehr vernünftig und achtete sehr auf seine persönliche Sauberkeit und hielt auch gut Ordnung. Das fiel mir nach Alex ganz besonders auf, den man quasi prügeln mußte, damit er alle drei Tage mal unter die Dusche ging. Man mußte nicht ständig hinter David her sein .. hast Du Dir auch die Zähne geputz...jetzt räum doch mal Deinen Kram auf..und so weiter. Das lief alles ganz selbstverständlich und von alleine. Und ich hörte zu, wenn er mir von sich erzählte. Das war offenbar für ihn was ganz Neues, er erklärte dann öfter, das sei doch ganz anders als bei ihm zu Hause, da interessiere sich keiner für ihn. Und so kam es, daß sich in den paar Tagen ein recht starkes Vetrauensverhältnis herausbildete, was David dann zu der Aussage brachte.."ich wünschte, Du wärest mein Vater."
Im Dezember wurde es mir dann doch zu ungemütlich auf dem Campingplatz, wir wollten aber jedenfalls telefonisch in Verbindung bleiben.

Etwa gegen Anfang bis Mitte Dezember rief er mich dann ziemlich aufgeregt an und erzählte mir..."stell Dir vor, heute ist meine Mutter ausgezogen, sie hatte Streit mit meinem Stiefvater, hat ihre Sachen gepackt und ist ohne ein Wort zu mir weg, ich hab keine Ahnung wo sie hin ist". Wenige Tage später meldete er sich erneut, seine Mutter habe angerufen, sie sei jetzt bei einem Freund in Krefeld. Er solle auch dort wohnen, da sein Stiefvater zu einem Lehrgang in die USA fahren müsse. Da kam mir schon einiges komisch vor. Er hatte mir erzählt, er wisse eigentlich gar nicht so genau, womit sein Stiefvater sein Geld verdiene, gesagt habe man ihm, er sei Steuerberater.
Was macht ein deutscher Steuerberater auf einem Lehrgang in den USA und dann noch über Weihnachten...?? sehr komisch.
Jedenfalls fragte mich David dann, ob er nicht über Weihnachten zu mir kommen könne. In der Wohnung in Krefeld komme er sich ja doch bloß überflüssig vor. Seine Mutter habe da bestimt nichts dagegen, die sei eher  froh, daß sie ihn los sei.

Ich war einverstanden, David kam dann mit dem Zug. Wir hatten schöne ca 14 Tage, Anfang Januar fuhr David wieder zurück nach Krefeld, er müsse ja in die Schule, außerdem habe er eine Zyste im Genitalbereich und die solle entfernt werden. Ungefährt eine Woche später rief er erneut an...er sei operiert worden und jetzt krank geschrieben, alle vier Wochen müsse er noch zur Nachuntersuchung, ob er denn nicht wieder zu mir kommen könne. Ich hatte nichts dagegen und so kam er wieder nach Hanau.
Gleich zu Anfang erzählte er mir dann.."stell Dir vor, mein Vater ist weg.." Seine Mutter habe ihm erzählt, daß sein Vater die Wohnung in Datteln aufgelöst habe und "nach Berlin gegangen" sei. Seine Mutter habe keinerlei Informationen darüber, wo sein Vater sich aufhalte oder wie er zu erreichen sei. Seine persönlichen Sachen wie z.B. Fahrrad, PC und so sei alles weg.
In der Wohnung in Krefeld komme er sich vor, wie "das fünfte Rad am Wagen".

Wir waren mittlerweile soweit, daß wir überlegten, ob es nicht möglich sei, daß David ganz bei mir bliebe. Im März wurde er 16.
Alle vier Wochen etwa fuhr ich ihn nach Krefeld zu den Nachuntersuchungen und setzte ihn dabei auch an der Wohnung des Freundes seiner Mutter jeweils kurz ab, da er sich ein paar persönliche Kleinigkeiten holen wollte, wie z.B. CD`s. Und außerdem wollte er sich von seiner Mutter etwas Geld geben lassen, er bekamm dann auch immer so fünfzig oder auch mal hundert Euro.

Ich ging - das war irgendwann im April - dann mit David zu meinem Rechtsanwalt.  Dieser hörte sich die Geschichte an und meinte, da hätten wir wenig Chancen, wenn  die Mutter nicht mitspiele. Aber er wolle es auf jeden Fall versuchen, vielleicht sei sie ja sogar froh darüber, wenn das stimme, was David erzähle. Anfang Mai, am 04.05 2004 um genau zu sein, fuhren wir dann wieder mal nach Krefeld.
David kam ziemlich aufgeregt nach kurzer Zeit wieder  und sagte, der Freund seiner Mutter habe ihn gefragt, was er denn noch hier wolle. Seine Mutter sei mit einem anderen fort, er wisse nicht wohin. Sie habe aber bei einer Freundin eine Nachricht für David hinterlassen, die könne er in einer Filiale der Sparkasse Krefeleld jetzt antreffen. Ich fuhr mit David dorthin - leider konnte ich nicht mitkommen, da ich nur im Halteverbot einen Platz fand um David kurz rauszulassen. Ich bin ja etwas gehbehindert und kann nicht gut so weit laufen. Jedenfalls kam David nach 10 Minuten wieder....er war sichtlich erregt..."stell Dir vor, sie läßt  mir ausrichten, ich sei ja schon 16 und alt genug, für mich alleine zu sorgen und dazu hat sie mir 100 Euro dagelassen".
Auf meine Frage erklärte David, er kenne die Freundin seiner Mutter, so vom Sehen, er wisse aber nicht ihren Namen. Ich schickte in daraufhin nochmals in die Sparkasse, um sich den Namen geben zu lassen. Es sei eine Manuela Grothe, erzählte er, als er wiederkam.

Darauf werde ich unter David´s Geschichte noch näher eingehen.

David hatte sich inzwischen fest an mich gehängt, für ihn sei ich sein Vater. Und wenn es noch einer weiteren Bekräftigung bedurft hätte, war sie nun in Anbetracht der eingetretenen Umstände jedenfalls erfolgt und ich war auch fest entschlossen ihn zu behalten.

Noch auf der Heimfahrt rief ich über mein Handy das Jugendamt in Datteln an und verständigte es über den Sachverhalt.